Starnberger Seeleben

Seegeflüster 2018:

Filmreife Festival-Szene, die „Frau mit Hut“

Sonntag, 19.55, Kino Breitwand, Starnberg. Noch bevor die Leinwand zum Leben erwacht, setzt bereits ein Film in den Tiefen des Zuschauerraums ein. In der vorletzten Reihe lässt sich eine Dame mit Proseccoglas (unerheblich für die Sicht) und interessantem Turm-Hut (erheblich für die Sicht der hinter ihr Sitzenden) nieder. Ihr Blick geht konzentriert nach vorn, das Glas führt sie mit sicherer Hand zum Mund, die Ohren scheinen das Gemurmel der „Hintersitzer“ nicht zu vernehmen ...

Wir - die stummen Nebensitzer in der vorletzten Reihe - überlegen kurz, ob wir in das Geschehen eingreifen und der Hut-Frau einen Tipp zur Handhabung ihrer Kopfbedeckung geben sollen, entschließen uns dann aber gegen Erziehungs­maßnahmen. Auch in der hinteren Reihe zögert man in dieser Frage. Versucht aber hörbare Regieanweisungen zu übermitteln. Es startet mit einem gut hörbaren „Kannst du was sehen?“ über „Sollte man im Kino eigentlich einen Hut tragen?“ und: „Wenn man einen Hut tragen möchte, wäre es doch gut in der letzten Reihe zu sitzen, wo niemand mehr hinter einem sitzt.“ bis zu: „Manche Leute schert es überhaupt nicht, was um sie herum ist.“ Indes, die akustisch gut hörbaren Seitentipps gleiten ungenutzt an den hohen Wänden des schwarzen Turm-Huts ab und versickern im Polster des Klappstuhls. Schließlich werden Plätze getauscht - und ein weibliches „siehst du was?“ wird durch ein männliches „Ich guck irgendwie drüber“ beantwortet. Als nach diesem Präludium der Hauptfilm auf der Leinwand beginnt, bleiben drei Fragen offen: Warum konnte oder wollte die Frau mit Hut ihr modisches Accessoire nicht zur Seite legen? Ist ihre stoische Ignoranz unmöglich oder bewundernswert? Warum hat niemand ihr auf die Schulter getippt und gesagt: „Könnten Sie bitte Ihren Hut abnehmen, er verdeckt die Leinwand.“ Vielleicht hat sie darauf gewartet, vielleicht war der Hut ein Hilfeschrei zur Kontaktaufnahme, vielleicht hätte sie ihn tatsächlich lächelnd abgenommen, vielleicht hätte sie aber auch gesagt: „Könnte ich, will ich aber nicht.“ , oder sogar einfach nur: „Ja, könnte ich“, und dann nichts getan. So viele Möglichkeiten, die einen dahin zurückbringen, wo das Ganze begann: ins Film-Festival. Ein kleiner Moment, ein kleiner Aufhänger, aus dem so ein oder SO EIN Film entstehen kann.

Auf der Leinwand gab’s übrigens „der große Rudolph“ zu sehen (darüber morgen mehr) - eine kleine Geschichte über Rudolph Moshammer und seine große Perücke - hinter der man nicht im Kino sitzen wollen würde ...

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