Starnberger Seeleben

Seegeflüster 2019:

Stadt der „Freudenhäuser“

Ladensterben in Starnberg mal anders betrachtet

Die Herausforderungen passen in einen Satz: Ja, Internet ist ein großer Konkurrent geworden, „Geiz ist geil“ hat sich ins Kaufverhalten tätowiert, Parkplatzsuche hat an Ärgerpotenzial enorm gewonnen, die Mieten für Läden sind alles andere als barrierefrei, Dienstleistungspersonal ist keine nach­wachsende Ressource, die Innenstadtgestaltung lädt in Art und Outfit nicht zum „Bleib doch noch ein bisschen“ ein und der Tunnel winkt als drohendes Besucherstrom abschneidendes Gespenst.

Die Lösungen lassen sich leider nicht in gleicher Weise so schnell und gefügig aneinander reihen ... Schon allein deswegen, weil sie parallel, neben- und miteinander laufen müssen. Und weil sie verlangen, dass unterschiedlichste Fraktionen mit ihren Bedürfnissen, Forderungen und Ansichten gemeinsam einen Fahrplan entwerfen.

Bei allem Aufzählen der Schwierigkeiten und Schwachstellen, allem Schimpfen und Hadern geht viel Energie drauf für das, was nicht da ist. Dabei lohnt sich der Blick auf das, was da ist, durchaus. So unbestritten die obige Problemliste ist, so unbestritten ist auch der magnetische Reiz des Sees, der immer ein bisschen Urlaubsatmosphäre verbreitet. Atmosphäre, die – und das bleibt oft ungesagt – in etlichen Läden und Lokalen Starnbergs ein prägendes Element ist. Was wir hier haben, sind tatsächlich weniger Zweck- oder Kaufhäuser, als vielmehr „Freudenhäuser“: Entdecker- und Genussläden. Eher Urlaub als Alltag, eher Kür als Pflicht. Das kann man als Manko sehen – oder als Plus.

Originalität, Sinnlichkeit, Persönlichkeit

Diese Ladenwelt bietet jedenfalls etwas, um dessen Wiederbelebung große Marken und Ketten sich sehr bemühen: Sinnlich- und Persönlichkeit, Individualität und Einzigartigkeit. Hier findet man Produkte (Mode von Kopf bis Fuß, Accessoires, Einrichtung für drinnen wie draußen, Geschenke, Wohn- und Küchenartikel, Feinkost, Weine, etc.), die es eben nicht x-mal woanders auch gibt, Stücke, nach denen man sich ergebnislos die Finger wundgooglen kann, Artikel von bisher unentdeckten Manufakturen und jungen Designern. Dinge, die die jeweiligen Ladenbesitzer sorgsam, nach eigener Stil-Linie, Überzeugung und Kompetenz zu einem jeweils unverwechselbaren Sortiment zusammenstellen.

Auch das könnte eine Vision für Starnberg sein: nicht krampfhaft ersetzen zu wollen, was nicht da ist, sondern das zu stärken und zu erweitern, was es an Gutem bereits gibt. Das Stückchen Urlaubsflair, das der See freigiebig bietet, zu vergrößern. Starnberg zu dem wachsen zu lassen, was das Gros der Republik fantasiert, wenn der Name „Starnberg“ fällt: malerisch gelegene Stadt mit viel Charme und Seele und entsprechenden Läden und Restaurants.

Schöne bunte Laden- und Gastronomiewelt

Keine Frage: Bisher ist die Fantasie größer als die Realität. Aber Beispiele dafür, dass es möglich ist, gibt es doch, wenn man den Blick schweifen lässt. Adressen für Gaumenkäufe im Rahmen von Tradition, Feingefühl und Qualität (Dechant, Kandler, Schindler, Scholler, Sembritzki) gibt es ebenso wie Lieblings- und Stöberläden (Blickpunkt, Department Store, Fee am See, Fea Fashionloft, fine little things, Fuchsbau, Lettl, lykkehus, Louisa’s, Modafein, petite maison, Spielhaus, Zauberhaft etc.), die mit Originalität und jeweils eigener Handschrift für Shoppingvergnügen im klassischen Sinne – anschauen, anfassen, an- bzw. ausprobieren – sorgen.

Und gleiches gilt auch für das Kulinarikerlebnis. Die Eiswerkstatt am Kirchplatz z.B. lebt moderne und originelle Gastlichkeit vor. Die Öffnungszeiten bewegen sich mit ihren Besuchern (bei Events in der Stadt gehen sie gern in die Verlängerung), erste Sonnenstrahlen rufen sofort die Liegestühle auf den Platz, das Sortiment bietet immer wieder neue Sorten und alle nach eigenen Rezepten, die nur hier zu haben sind. Ebenso bewusst und kreativ gestaltet das Fisherman’s seine Sushi & mehr-Karte, in der Essbar fühlt man sich wie im Inneren eines Schmuckkästchens, das Strandhouse schafft es, Metropol- und Wohlgefühl zu verbinden, das Gallo Nero füttert mediterrane Lüste, das Wirtshaus am Tutzinger Hof ist mit seinem griabigen, sympathischen Bayern-Stil längst als kulinarisches Starnberg Wahrzeichen festgewachsen und die Seestub’n in Percha sind auf beste Art „typisch See“: helles, maritimes Ambiente, geradlinige, frische Küche, liebenswert schlagfertige Herzlichkeit.

Auch diese Beispiele (deren Liste natürlich nur eine spontane Auswahl wiedergibt und längst nicht vollständig ist!) , kann man wieder von zwei Seiten betrachten. Man kann sie als „die Letzten ihrer Art“ interpretieren; in einer immer virtueller werdenden Welt und den letzten Tagen vor dem Tunnelbau, oder als Wegweiser zu einer See-Oase, in der die nie aussterbenden Sehnsüchte, die man mit Einkauf, Essen und Freizeit verbindet, einfallsreich beantwortet werden.

Am Anfang steht die Idee, der Traum – und, wenn’s auch lange gedauert hat, einmal hat „I have a dream“ ja schon die Menschen zusammen nach vorn gebracht ...

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