Starnberger Seeleben

Seegeflüster Juni 2019:

Abirede anderer Art ...

Die Tür ging auf und mit schwungvollem, einer Hollywood Diva würdigem Gang, beide Hände links und rechts in die Hüften gestemmt, stolzierte ein vollbärtiger Mann mit dunkler Mähne ins Klassenzimmer. „I am a lady!“ verkündete er triumphierend in lupenreinem Britisch. Mit diesem Zweiminuten-Auftakt begann unser Englischunterricht und eine wunderbare Beziehung, in der Schüler und Lehrer Verbündete waren. Verbündet in der Mission, eine Sprache zu erobern und verbündet im gegenseitigen Glauben aneinander.
Unser vollbärtiger Lehrer, das ließ er uns in ausnahmslos jeder Stunde spüren, liebte sein Metier – sowohl das Englisch wie das Unterrichten – und hatte sich nicht weniger auf die Fahne geschrieben, als seine Begeisterung an uns weiterzugeben. Den Funken zu zünden. Er besaß Fantasie, Humor und die Größe, sich nicht größer als seine Schüler zu fühlen.

Ich weiß nicht, ob ein Auftritt wie dieser heute noch den gleichen wirkungsvollen Effekt hätte - schließlich hat sich die Erde rasant, und gefühlt von Jahr zu Jahr schneller, weiter gedreht. Aber ich bin mir sicher, dass die Ingredienzien, die unser Englischlehrer Krüger mitbrachte, Fantasie, Humor, Respekt und Leidenschaft, immer noch die beste Basis dafür sind, wenn man Menschen für etwas gewinnen möchte. Und genau darum sollte es einem Lehrer doch gehen – Schüler dafür zu begeistern, neugierig zu sein, mehr wissen, verstehen und erkennen zu wollen. Denn, das wissen wir doch alle aus eigener Erfahrung, nur was aus dem Inneren kommt, was wir selbst wollen, hat wirklich Kraft und Bestand.

Alles Wissen, das unter Zwang erworben, hat keinen Halt im Geist“, sagte Plato.

Jeder Unterricht von oben herab, jeder Unterricht ohne Liebe zum Fach und ohne Liebe für die, die Mitwisser werden sollen, bleibt wenig hängen, verpufft ohne tiefere Wirkung. Im besten Fall haben Zwang und Druck noch den kurzfristigen Effekt einer guten Note; der Lust am Lernen, der Freude an den Fähigkeiten des eigenen Geistes stehen sie blockierend im Weg. Zwang und Druck sind etwas, das man loswerden, beenden will.

Wenn man sich unter den Abiturienten umhört, ist die Schule längst zu etwas geworden, das man „hinter sich bringen“, wie eine Krankheit überstehen will. Direkt nach dem Abi ein einjähriges Sabbatical einzulegen, ist fast schon Usus und ein Zeichen für Erschöpfung und das Bedürfnis, den Dingen und dem Leben einen eigenen, nicht von System und Noten aufoktroyierten, Sinn zu geben.

Natürlich kann nicht jeder ein Herr Krüger sein. Wie in jedem Beruf gab es und wird es immer „solche und solche“ geben, Star- und Fehlbesetzungen. Und natürlich können die Krügers allein nicht alle Probleme lösen, die ein an vielen Stellen fragwürdiges, von Bundesland zu Bundesland anders gestaltetes, Schulsystem uns beschert. Aber Tatsache ist, dass (zumindest noch) jedes System von Menschen errichtet wurde und darum auch von Menschen geändert werden kann. Wir können an den Schrauben drehen, können Weichen stellen, Wege ebnen. Allerdings nur mit-, nicht gegeneinander. Als Vertreter verschiedener Lager mit feindseligen Lehrer-, Eltern-, Schüler-Positionen, wird das nicht gelingen.

Stellen wir uns allerdings als Verbündete zusammen - mit dem Ziel, statt Bestnoten von unseren Kindern, das Beste für unsere Kinder anzustreben, haben wir, selbst in unseren virtuellen Zeiten eine reelle Chance.

Für Eltern bedeutet das, sich nicht aufs Polster Delegierender zu setzen, die alles, was Bildung betrifft, in die Verantwortung der Schule schieben, mit der Erwartungshaltung aus jedem Kind einen Hirnleistungssportler mit Goldmedaille zu machen. Sondern, um im Bild des „Krüger-Effekts“ zu bleiben, die eigene Begeisterung am Entdecken, Lernen, sich für etwas einzusetzen und Mühe zu geben, vorzuleben. Und es bedeutet im guten wie streitbaren Sinn, sich mit Schule und Lehrern auseinanderzusetzen. Es tut keinem weh, einem guten Lehrer zu sagen und zu zeigen, dass er – bzw. meistens ja sie – ein/e gute/r Lehrer/in ist und es sollte die Mühe immer wert sein, nachzufragen oder zu kritisieren, wenn etwas klemmt.

Und wenn schon nicht jeder Lehrer ein Krüger sein kann, so sollte doch jede/r nicht nur das Was sondern unbedingt auch das Wie berücksichtigen. Ich erinnere mich gut an die (möglicherweise weltbeste) Grundschullehrerin unseres Sohnes, die, als sie die damals 3. Klasse übernahm, wochenlang hinter dem schneidigen Tempo der anderen dritten Klassen zurückblieb. Trotz immer lauter werdender Stimmen beunruhigter Eltern, die fürchteten, die Klasse würde massiv ins Hintertreffen geraten und dort bis zum Übertritt auf weiterführende Schulen hängenbleiben blieb sie selbstbewusst gelassen. Sie hatte klar und klug erkannt, dass es der Klasse an Zusammenhalt, am gemeinschaftlichen Miteinander fehlte und dass dies einer Lernatmosphäre, in der alle mit an Bord sind, immer im Weg stehen würde. „Erst bauen wir die Klassengemeinschaft“, stellte sie fest, „wenn wir die haben, läuft alles andere.“ Sie behielt Recht und sie behielt neben der Gemeinschaft jeden Schüler in seiner eigenen Persönlichkeit im Blick. Und sie besaß – und besitzt, denn Gott sei Dank unterrichtet sie immer noch – das Stück Krüger, einen Lehrplan so zu interpretieren, bzw. zu übersetzen, dass er nicht der gerade gängigen – und oft sinnleeren – Bildungsmode entspricht, sondern die innere Motivation zum Lernen, wissen Wollen, weckt.

Ich habe natürlich auch andere Lehrer kennengelernt. Habe als Schülerin fünf Jahre unter einer Lehrerin gelitten, deren Mathematik- und Physik-Unterricht immer einem Kolloquium unter Fachkollegen gleichkam und dementsprechend maximal 3 Schüler der Klasse erreicht hat. Die vier hatten zusammen viel Freude – ohne mich und die anderen 30. Und auch als Gymnasiasten-Mutter habe ich beide kennengelernt: Lehrer, die sich für Schüler wie Eltern als Förderer und Begleiter eingesetzt haben, und solche, die noch bevor ein Wort gesprochen wurde, schon den Besserwisserzeigefinger zückten und dann tatsächlich alles besser wussten, ohne es besser zu wissen. Wie ein Kellner, den an seinem Beruf scheinbar nur die Gäste stören, wirkt mancher Lehrer, als könne ihm sein Beruf ohne Schüler vielleicht Spaß machen.

Aber die sind und bleiben nun einmal der Kern: die Schüler. Die jungen Menschen, denen die Zukunft gehört, und die die Aufgabe haben, diese zu formen. Dafür sollten wir ihnen – als Eltern und Lehrer – doch das denkbar beste Rüstzeug, die Kraft zu selbstbestimmtem klugen Handeln mitgeben, oder nicht?

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