Starnberger Seeleben

Seegeflüster September 2019:

Eine kleine Schublade oder „Das Paradies hat eine frische Narbe“

Es war einmal am Ostufer, vor gar nicht allzu langer Zeit, da lief oder radelte oder fuhr man -zugegebenermaßen - schon auch mal mit dem Auto zum Bauern, der inmitten traditioneller, moderner und luxuriöser Alt- und Neubauten ein kleines grünes Paradies bewahrt hatte. An den guten Gaben, die täglich seine Hühner schenkten, ließ er alle, die es wünschten, teilhaben. Die sorgsam eingesammelten Eier schichtete er liebevoll in Kartons und öffnete morgens weit die Stalltür, so dass ein jeder und eine jede sich nehmen konnte, was er/sie wollte. Das Tischchen, auf dem die Eierkartons gestapelt warteten, verfügte über eine kleine Schublade, in der sich wiederum ein kleines Körbchen befand. Darin legte jeder Eierkäufer die Euromünzen, die ein kleiner handschriftlich beschriebener Zettel an der Wand als Preis nannte. Hatte man statt Münzen nur einen Schein, entnahm man daraus das Wechselgeld. Hatte man es nicht passend, rundete man gerne auf, als Dank für die Mühe und aus purer Freude so einkaufen zu dürfen. Das ging so Jahr um Jahr. Manchmal gab es auch Kartoffeln, oder selbstgemachte Nudeln, Honig oder Marmelade. Man brachte einen leeren Karton zurück und ging mit einem gefüllten, man öffnete die Schublade, ließ die Münzen ins Körbchen gleiten, grüßte das Kälbchen gegenüber der Stalltür und schloss die Augen genussvoll beim Essen des Frühstückseis.

Und dann …. eines Tages … die Stalltür stand wie immer geöffnet, der Bauer stiefelte gerade davon, nur noch seine Gummistiefel waren zu sehen, als er in einiger Entfernung um die Ecke bog. Den Korb unterm Arm hinein in den Stall. Und dann stand da dieser Fremde - groß, so groß, und kühl. Ein leicht brummender Kasten mit vielen Fächern - ein Automat, in den jetzt alle Eierschachteln eingesperrt waren. Ein Selbstbedienungsautomat, der erst wenn er mit Geld gefüttert wird, die kleine gläserne Tür öffnet, hinter der sich das begehrte Gut befindet. Geld einwerfen, Ware aussuchen, Knopf drücken, Tür geht auf, Hand fährt vor, entnimmt den Eierkarton, Tür schließt sich, Wechselgeld kommt auf Knopfdruck.

Der Einkauf ist getätigt, der Eierkarton wandert in den Korb, ein älterer Herr stapft durch die Tür. „Die Schublade gibt es nicht mehr“, begrüße ich ihn. Er weiß es schon und nickt. „Und ich hatte mich immer so gefreut“, sage ich, „dass es funktioniert“. Er nickt wieder, „dachte ich auch“, sagt er und guckt ein bisschen traurig. Oder vielleicht bilde ich mir das mit dem traurigen Blick nur ein, weil ich mir ein bisschen Trauer wünsche. Denn die Schublade verdient es, dass man über ihr Sterben nicht einfach so hinweggeht. Ich jedenfalls vermisse sie wehmütig und frage mich, wer ihre Mörder sind, hier in diesem kleinen Paradies, das wie eine idyllische Insel von Menschen umspült wird, die vermutlich den Euro nicht dreimal umdrehen müssen.

Vielleicht denke ich ja aber auch zu düster und es war ja einfach nur der Holzwurm in dem Schubladen-Tischchen oder irgendein mit dem Bauern befreundeter Automatensammler hatte dieses Selbstbedienungs-Kühldings über und wusste nicht wohin damit. Immerhin hört es noch nicht auf Alexa und schmeißt einem die Eier auf Zuruf um die Ohren …

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