Starnberger Seeleben

Seegeflüster April 2020:

Das Ende der Hemmungslosigkeit

Wir befinden uns in einem offenen Experiment.
Unser medialer Fortschritt ermöglicht uns, auch bei geschlossenen Türen Nähe aufrechtzuerhalten. Zugleich bewirft er uns auf allen möglichen Kanälen mit Liveticker-News, Verschwörungstheorien, Bagatellisierungen und Bagatellen, realen und alternativen Wahrheiten. Die von uns entwickelte virtuelle Welt rettet uns, weil wir einander verbunden bleiben können. Zugleich zeigt sie uns ganz klar ihre Grenzen auf, weil - künstliche Intelligenz hin oder her - nur reale Menschen in der komplexen Realität komplex agieren, anpacken, helfen, heilen, trösten, können.

Das Virus gibt uns neue Handlungs-Prämissen vor. Covid-19 verhält sich nicht „traditionell“. Nicht nach den Regeln und Mustern, die wir von Viren bisher gewohnt waren. Also sind auch wir, für unser physisches, wirtschaftliches und soziales Überleben herausgefordert, traditionelle Denk- und Verhaltensmuster zu durchbrechen.

Momentan schärfen wir anhand dieser so vieles umfassenden Krise unser Bewusstsein, unsere Sinne.

In viel zu vielen Lebensbereichen haben wir uns Distanzlosigkeit, Hemmungslosigkeit angewöhnt. Weil es machbar war und scheinbar ohne Folgen blieb.

Wir sind der Natur schonungslos zu Leibe gerückt - wovon die in Plastik erstickten Ozeane ein Untergangslied singen können oder das im letzten Jahr um die Welt gehende Bild des touristischen Bergsteiger-Massenandrangs am Mount Everest als sinnbildlicher Gipfel gelten kann.

Wir haben respektvolle Abstände durchbrochen, wo es nur ging - in Wort und Tat. Mit grenzüberschreitenden Schimpftiraden auf social Media Plattformen. Mit einem über jedes vernünftige Maß hinausgehende Ausbeuten rohstofflicher aber auch individueller körperlicher Ressourcen. Mit hemmungslosem, alle Bedürfnisse außer Acht lassenden, Konsum - wofür die sich in Tempo und Preisverfall selbst überholende Modebranche ein treffliches Beispiel ist.

Mit Covid-19 ist nun einer aufgetaucht, der uns in all dem ausbremst. Der uns, wie es allen Mahnern, Philosophen und sonstigen Weisen in den letzten Jahren nicht gelungen ist, zum Stopp, zum Innehalten zwingt, weil er uns simpel und effektiv dort packt, wo jedes Individuum wirksam zu packen ist: beim eigenen Überleben.

Wir befinden uns in einem offenen Experiment.
Als „Faktor Mensch“ sind wir (Gott sei Dank) wesentlicher Bestandteil der Versuchsanordnung und können den Ausgang mitbestimmen. Durch das zwangsverordnete Innehalten ist für uns alle die Pause-Taste gedrückt. Pause, ein Zwischenraum zwischen Früher und dem Kommenden. Pause, die Phase bevor es weitergeht, und die diesmal nicht Ferien sondern Chance und Verantwortung bedeutet.

Die Chance, den erzwungenen und doch auch geschenkten, Zeitgewinn zu nutzen. Für all das, was wir im Galopp verloren haben ebenso wie zur Orientierung in die Zukunft. Wie müssen und wie wollen wir künftig (über)leben? Wird der Pauseknopf auf „weiter“ gestellt, führen wir das Leben nicht so fort wie zuvor. Die Realität ist eine andere geworden. Covid hat eine Zäsur geschaffen, einen Bruch in alle Gewohnheiten rund um den Globus.

Wir haben kapiert, dass wir einander am besten die Hand reichen, indem wir sie uns eben buchstäblich nicht reichen. Im übertragenen Sinn müssen wir sie einander aber reichen, weil sonst die Menschlichkeit das erste Opfer des großen Covid-Feldversuchs wird. Wir werden also statt „shake hands“ neue Grußformeln (der Ellenbogenstupser wird’s kaum bleiben) in tägliche Begrüßungszeremonien aufnehmen. Wir werden räumlich eingehaltene Distanz nicht als Ab- sondern Zuneigung begreifen. Und wir werden „teilen“ real umsetzen müssen, nicht nur als drücken eines social media-Buttons.

Zurecht weisen manche darauf hin, dass „social distance“ ein falscher Begriff ist, den wir weder in unserer Sprache noch im Verhalten Fuß fassen lassen sollten. Die tatsächlich gebotene „physical distance“ kann sogar, wie man im Supermarkt jetzt erlebt, eine neue Art sozialer Nähe mit sich bringen: Begegnen sich Fremde in Regalgängen, lassen sie anderen mit Handsignal oder angedeuteter Verbeugung den Vortritt, um die geforderten 1,50 m Abstand zu gewährleisten. Das fühlt sich nicht distanziert an, sondern rücksichtsvoll und höflich.

Wir Westler, die Masken und Schleier als Symbole böswilliger Verhüllung betrachtet haben, werden uns, wie alle Welt, die Sitte des Maskentragens angewöhnen und die Maske wird als „It-Piece“ in den Fashionkanon einziehen.

Das sind kleine sichtbare oder vorhersehbare Szenarien. Die größeren liegen noch in unseren Köpfen, denn das unsichtbare Virus stellt die gesamte Zivilisation, so wie wir sie - mit allen guten wie schlechten Errungenschaften - geschaffen haben, in Frage.

In seinem Kommentar vom 2.4. beschreibt Harald Martenstein (Zeitmagazin /No 15) die ambivalenten Reaktionen auf den Shutdown durch bzw. dank Corona. Darin wird sehr gut deutlich, dass wir denk- und handlungsfähiger sind, als wir es im bisherigen selbst entworfenen globalen Hamsterrad für möglich erachtet haben.

In unserer bisherigen Welt, zumindest auf der westlichen Hemisphäre, waren wir daran gewöhnt, fast grenzenlos mobil zu sein (in Nullkommanix für immer geringere Flugkosten von einem Kontinent zum anderen zu jetten), Preise immer weiter nach unten zu drücken („irgendwo geht’s immer billiger“), ökologische Verantwortung mit Ablass-Zahlungen und -Handlungen zu erfüllen (Öko-Steuern und Jutebeutel), unaufhörliche Steigerung auf nahezu jedem Sektor (schneller, weiter, höher) für tatsächlich unendlich und normal zu halten, Menge vor Qualität (News- und Pseudo-News-Flut statt valide, solide recherchierte Informationen ebenso wie aus unzähligen Online-Sale- und Rabatt-Aktionen angehäufte statt ernsthaft begehrte oder benötigte Kleidungsstücke) zu setzen.

Wenn es jetzt weitergeht, können wir mit diesen Gewohnheiten brechen. Wir müssen „reisen“ neu definieren, das gibt uns die Chance Unbekanntes in unmittelbarer Nähe zu entdecken. Dadurch werden wir die Region, in der wir leben, bewusster wahrnehmen und schätzen - Natur wie Innenstadt, Läden wie Lokale. Wir werden weniger Geld haben, das führt automatisch dazu, dass wir überlegen, was wir wirklich brauchen und wirklich wollen. Wir werden achtsamer sein im Umgang miteinander - wem wollen wir wirklich und richtig nah sein? Wir werden uns möglicherweise beruflich neu oder anders aufstellen müssen - und durch Zusammenschlüsse vielleicht neue Projekte verwirklichen.

Und irgendwann (denn, was richtig und falsch ist, zeigt sich ja immer erst retrospektiv) werden wir zurückblicken auf diese Zeit, in der die Welt den Atem anhielt, und sehen, wofür wir damals (also heute) die Weichen gestellt haben.

PS: In einem irrt Harald Martenstein: Er ist mitnichten der Erfinder der „BSg“-Formel. Diese wird in der Seeleben-Redaktion schon seit den ersten Corona-Tagen verwendet. Allerdings: wir sind uns ziemlich sicher, dass auch wir wahrscheinlich nicht die Erfinder dieser Grußformel sind, sondern sie zeitgleich von vielen als Abschluss unter Mails und Briefen gesetzt wurde - zum Ausdruck wertschätzender Hoffnung. Und das wiederum nährt die Hoffnung, dass auch viele andere gute Lösungen und Ideen zeitgleich entstehen werden!

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