Starnberger Seeleben

Silvester 2020:

Interview mit 2020

Bevor 2020 in wenigen Stunden von der Bühne abtritt, ist es dem Seeleben gelungen, einen Termin zum Exklusiv-Interview zu ergattern. Interessant, was ein Jahr so denkt …

Starnberger Seeleben: Selten hat sich die gesamte Menschheit so euphorisch darauf gefreut, ein Jahr loszuwerden, wie jetzt bei Ihnen. Wie fühlt sich diese feindselige Ungeduld für Sie an?

2020: Nicht schön. Nicht gerecht. Aber anders als manch anderer Kandidat - wie beispielsweise der derzeit immer noch amtierende US-Präsident - bringe ich zumindest ein gewisses Verständnis dafür auf und werde heute Nacht, wenn meine Zeit um ist, auch würdevoll abtreten.

Starnberger Seeleben: Warum „nicht gerecht“?

2020: Das, was man mit mir verbindet und mir zur Last legt, betrifft ja nicht originär mich, sondern die Erscheinungen, die zusammen mit mir aufgetaucht sind. Ich bin ja nur ein Rahmen, eine Fassung fürs Weltgeschehen, ebenso machtlos wie meine über zweitausend Vorgänger, die gefeiert oder verflucht wurden, obgleich auch sie nur eine Plattform waren.

Starnberger Seeleben: Stapeln Sie da nicht ein bisschen tief?

2020: Nein, überhaupt nicht. Es gehört nun mal zu meiner Daseinsform, dass ich selbst keinerlei gestaltende Befugnisse habe.

Starnberger Seeleben: Hätten Sie das denn gern?

2020: Nur weil ich nicht handeln darf und kann, nehme ich ja doch das Geschehen in der Welt wahr. Da nicht eingreifen zu können, ist für unsereins wahrlich nicht immer leicht. Ich bin gewissermaßen doppelt limitiert: begrenzt in der mir gegebenen Zeit und gelähmt auf einer Zuschauerposition. Ich hätte mir da vom Universum schon gewünscht, dass wir Jahreszahlen mehr als nur eine Nummer sein dürfen.

Starnberger Seeleben: Beneiden Sie die Menschen um ihre Handlungsfähigkeit?

2020: Mitunter ja. Darum bin ich ihnen manchmal auch sehr gram, dass sie diese so unbedacht nutzen. Da hat man ihnen die Kraft des Denkens und Handelns gegeben und sie bringen beides so wenig zusammen.

Starnberger Seeleben: Wo sehen Sie denn da Defizite?

2020: Ich bitte Sie: wo sehen Sie die nicht? Aber es ist ebenso zeitraubend (und wie Sie wissen, habe ich davon nicht mehr so viel) wie traurig, jetzt eine lange Liste aufzuzählen. Es reicht völlig, wenn Sie betrachten, wie der Mensch mit der Erde umgeht. Da stellt sie ihm als großzügiger Gastgeber Zugang zu allen Räumen und Ressourcen zur Verfügung und die Menschheit nutzt das geradezu hemmungslos aus, benimmt sich wie die Axt im Walde und begreift nicht einmal, dass sie damit nicht nur den Planeten sondern auch sich selbst mindestens massiv schädigt.

Starnberger Seeleben: Und Sie würden das besser machen?

2020 (lacht): Fangfrage, oder? Keine Ahnung, ob ich das könnte. Aber ich würde mich redlich bemühen. Schon allein, weil ich dankbar wäre, denken, handeln, lernen zu dürfen. Sehen wir uns nur mal in meiner kurzen Daseinsphase um. Da gaben sich die Menschen zunächst, durch das Coronavirus aus ihrem Rhythmus gerissen, einsichtig und verkündeten wie der Teufel kluge Weisheiten auf allen social media Kanälen - wie wichtig Zusammenhalt und Solidarität sei, wie sehr man die Natur doch (wieder) wertschätzen würde, wie entscheidend Nachhaltigkeit sei, dass die Luft nun wieder klarer wäre über den stillstehenden Fabrikschloten und dergleichen mehr. Und jetzt? Die geschätzte Natur sieht ziemlich mies aus unter der Dekoration weggeschmissener Einmalmasken und wieder wachsender Verpackungsmüllmengen, Solidarität rutscht durch die Löcher in den Geldbörsen und einen Kampf ums Klopapier würde ich nicht eben als großen Vorwärtsschritt für die Menschheit bezeichnen.

Starnberger Seeleben: Sie glauben also nicht, dass die Menschen durch Corona etwas lernen?

2020: Ich weiß nicht, es ist im gleichen Maß wünschenswert wie zweifelhaft. Ich vernehme einen lauten Ruf danach, dass möglichst bald „alles wieder wie früher“ ist.

Starnberger Seeleben: Und ist das denn nicht gut?

2020: Dazu müsste man erst mal „gut“ definieren; ist damit angenehm gemeint, bequem, sinnvoll oder gerecht? Ich hätte es sehr begrüßt, wenn die Menschen in der ihnen aufgezwungenen oder geschenkten Verlangsamung (ganz wie Sie das betrachten wollen) die Zeit genutzt hätten, ausgetretene Denkwege zu verlassen und auf neuen Pfaden Ideen entwickelt hätten, wie nicht alles „wieder wie“ sondern „besser als“ früher werden kann. Im Umgang mit den bereits erwähnten Räumen und Ressourcen, im Miteinander, in der Verteilung globaler Güter und Werte. Das hätte einen Gewinn für alle bedeuten können: Planet, Klima, Menschheit. Dann hätte es auch ein so kleines Virus in Zukunft nicht so leicht, derart große Einschläge zu verursachen.

Starnberger Seeleben: Wir wissen, Ihre Zeit ist kostbar, daher eine letzte kleine Frage: anders als bei den meisten Ihrer Vorgänger wird es heute um Mitternacht kein fulminantes Feuerwerk geben …

2020: Das Feuerwerk ist ja kein Abschieds- sondern ein Willkommensgruß. Die Frage müssten Sie also 2021 stellen. Ich sehe in dieser leiseren Jahreswechselform ein würdiges Ende und bei aller Kritik, die ich an den Menschen übe: ich wünsche ihnen doch Licht und Freude, die sich nicht so schnell in Schall und Rauch auflöst sondern lange lange währt.

Starnberger Seeleben: Waren das bereits Ihre „famous last words“?

2020: Fast (lächelt). Ich verabschiede mich in Respekt, bin trotz aller Zeiterscheinungen dankbar, dass ich da sein durfte und würde mich freuen, wenn ich bei dem einen oder anderen auch mit schönen Momenten ins persönliche Museum seiner Erinnerung einziehen darf. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Spezies viel Zuversicht und Glück und eine gute Zukunft mit idealerweise unzähligen meiner Nachfolger.

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