Starnberger Seeleben

See and the City 2022

Einer sucht, einer steht Kopf

Da hat man Besuch aus Hamburg. Bei der ersten Autofahrt in die Stadt fällt der Blick wegen des notwendigen Halts an der roten Ampel (nicht wegen der bemerkenswerten Optik) auf ein Banner: „See and the City“. „Oh“, sagt Hanseatin, „ein Sommer-Event“. Der Begriff gehört nicht eben zu ihrem über 80jährigen Sprach-Repertoire. Aber wie jedes Kind weiß sie, dass damit vielfältiges Vergnügen verbunden ist. Und wie jedes Kind springt, seit diese Verheißung ihr vom Straßenrand entgegenwehte, neugierige Entdeckerlust sie an. So macht man ihr die Freude und fährt zum Ort des Geschehens. Alles fängt gut an – der rare Fund eines Parkplatzes gelingt. Mit vorfreudigen Schritten flaniert man dem Erlebnis entgegen.

Vis-à-vis liegt der Bahnhof – der Blick wandert nach links, der Blick wandert nach rechts, die Füße folgen.

„Oh“, sagt die Lady aus dem Norden, „sind die noch beim Aufbauen oder ist es schon vorbei?“ „Nein, nein – das geht bis Oktober.“

„Und was? Da ist doch gar nichts.“

„Aber doch! Sieh mal, der bunte Asphalt …“

„Nein“, erwidert die Besucherin entschieden (man darf natürlich nicht vergessen, dass sie aus einer zugegebenermaßen die Augen verwöhnenden Stadt kommt), „das ist vom Kinderfest übriggeblieben, das ist doch eindeutig.“

„Das gehört zum Konzept“, man muss sein Zuhause schließlich verteidigen, „wie die großen Skulpturen und die schönen Blumenkübel ….“

„Und wo ist die restliche Kunst? Und die Stände? Und Lichter und Bänke, irgendetwas Besonderes …", ihr bleibt die Puste weg, „du willst nicht wirklich behaupten, dass die Asphaltbemalung mit Grippegrün (sie deutet auf den Bordstein beim Gallo Nero) und bunten Punkten alles ist?“

Sie guckt wie ein Kind, dem man die Zuckertüte weggenommen hat. Aber wie soll man jemand trösten, der während acht Stunden Bahnfahrt beständig glaubte, mit Starnberg, „die Perle am Starnberger See“ zu erreichen? Und dann „See and the City“ für die krönende Verlockung hielt, das Sahnehäubchen des Sommers?

Liebevoll nimmt man ihre Hand und sagt: „Morgen machen wir eine Bootstour“, während sie leise, aber vernehmlich murmelt: „Des Kaisers neue Kleider“.

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