Vom Geheimtipp zum renommierten Filmfestival
Jedes Jahr zieht das fsff ein breites Publikum, Filmschaffende und internationale Gäste an den Starnberger See. Dabei hat es aber nie den Entdeckergeist für jene besonderen Filme verloren, die sonst nur selten den Weg auf die große Leinwand finden. 6 Fragen an Festivalleiter Matthias Hellwig.
Als Motivation, das FSFF ins Leben zu rufen, sagten Sie mal „Man muss ein Event schaffen“, damit Menschen Filme sehen, für die es keine Werbung gibt. Sind Festivals heute noch eine wichtige Plattform, um solche Filme ans Publikum zu bringen?
Matthias Helwig: Unbedingt. Sogenannte kleine Filme oder Filme aus dem Ausland haben wegen des geringen Werbebudgets kaum eine Chance mehr, in die Wahrnehmung des Publikums zu kommen. So bleibt – wenn das Marketingbudget der Verleiher oder Produzenten wegfällt – nur das Werbebudget eines Festivals übrig, um auf diese Filme hinzuweisen.
Streaming, Serienboom, neue Sehgewohnheiten, digitale und KI- Produktion haben Filme und Kino signifikant verändert. Ist das Publikum dadurch anspruchsvoller geworden – oder einfach anders?
Matthias Helwig: Kino ist anders als die genannten Medien. Kino lebt von der Konzentration auf die Leinwand. Im Gegensatz zu allen genannten Medien ist Kino der Tempel des Films oder, anders gesagt, die beste Wiedergabemöglichkeit für bewegte Bilder. Wer dies haben möchte, geht ins Kino und bleibt dem Kino treu. Leider aber werden Teile des Publikums durch Streaming usw. anspruchsloser.
Früher war ein Film meist Drama, Komödie oder Thriller. Heute verschwimmen die Grenzen: Horror wird Arthouse, Dokumentarisches wird erzählerischer, Genres vermischen sich. Wie beeinflusst das Ihre Filmauswahl?
Matthias Helwig: Diese Trends finde ich spannend und versuche sie zu berücksichtigen. Billy Wilder sagte, die drei wichtigsten Drehbuchregeln sind: Du sollst nicht langweilen, du sollst nicht langweilen, du sollst nicht langweilen! Die bekannten Muster tun genau dies. Also: Erfrischung tut not und gut, gerade die Genremixes.
Sie haben viele Filmgrößen - darunter Wim Wenders, Tom Tykwer, Doris Dörrie, Senta Berger, Lars Eidinger, Sandra Hüller - hier begrüßt. Welcher Gast oder welche Begegnung war völlig anders, als Sie es erwartet hätten?
Matthias Helwig: Ich war eigentlich immer positiv überrascht. Die einzige Enttäuschung entstand, als einmal ein Star einfach so von seinem Agenten abgeschirmt wurde, dass er gar nichts vom Charme des Festivals oder seines Teams mitbekam. Ansonsten treffen die Stars hier bei uns auf Professionalität und Herzblut. Das gefällt ihnen. Wir treffen uns quasi auf Augenhöhe und mit viel gegenseitigem Respekt.
Das diesjährige Motto „START SMALL. CHANGE EVERYTHING.“ klingt fast wie ein Glaubenssatz. Ist es Überzeugung oder Hoffnung?
Matthias Helwig: In meinem Falle wurde es Wirklichkeit und die Filme, die wir unter diesem Motto zeigen, zeugen davon, dass vieles möglich ist, was man für unwahrscheinlich hält. Eine Schule in Pakistan wird wieder eröffnet, eine andere in Tibet hilft Kindern, eine Berghirtin verteidigt ihr Land erfolgreich gegen NATO-Interessen, Klimaseniorinnen klagen ihr eigenes Land – die Schweiz – an und gewinnen vor dem europäischen Gerichtshof, ein sardischer Bauer erhält seinen Traumstrand für seine Kühe gegen die Interessen des Tourismus, usw. Natürlich ist Hoffnung in dem Satz, aber auch Überzeugung, dass es gelingen kann.
Nach 20 Jahren und Tausenden gesehenen Filmen: Was muss ein Film haben, damit Sie ihn unbedingt zeigen wollen – und womit verspielt er Ihre Gunst?
Matthias Helwig: Ich entscheide noch immer aus dem Bauch heraus. Er muss mich packen, egal ob mit der Geschichte, ob mit einer Sequenz, mit einem Spiel, mit der Überraschung und so weiter. Wenn er langweilt, fällt er durch. Nur kann es sein, dass mein Begriff von Langeweile ein anderer ist als ein allgemein üblicher. Denn ich liebe auch zu beobachten oder mitzugehen. Das braucht manchmal viel Zeit – wie im richtigen Leben. Vor allem muss der Film authentisch sein, das ist vielleicht das entscheidende Wort.