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Wenn Frauen Räume öffnen, können sie Grenzen verschieben

Mit „Frauen in ihren Räumen“ öffnet Initiatorin Elisabeth Carr besondere Orte rund um den Starnberger See – und lässt entdecken, wie Frauen sich Freiheit schaffen und ihr Leben gestalten. (Foto: Joachim Beck)

Müsste das nicht längst ein alter Hut sein – die Frage nach dem Platz von Frauen in unserer Gesellschaft? Die gut besuchten Abende der KunstRäume am See zeigen: Weibliche Stimmen und Lebensgeschichten bewegen und machen neugierig. Mit „Frauen in ihren Räumen“ öffnet Initiatorin Elisabeth Carr besondere Orte rund um den Starnberger See – und lässt entdecken, wie Frauen sich Freiheit schaffen und ihr Leben gestalten.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Kunstwelt für Frauen weitgehend verschlossen. Ihr eigener Ausdruck wurde kaum ernst genommen. Wann begann sich das zu verändern?

Elisabeth Carr Herausragende Frauen gab es zu allen Zeiten. Denken wir an Sappho in der griechischen Antike oder Teresa von Ávila, die umfangreichen Schriften hinterlassen hat und ihrer Zeit pädagogisch und psychologisch weit voraus war. Aber diese wenigen überlieferten Frauen-Beispiele sind zu suchen. Um 1900, im Aufbruch der Moderne, wurden Frauen zunehmend öffentlich sichtbar. Schon lange davor hatten sie in den Salons geistige Räume geschaffen, in denen Gedanken und Kulturgut entstehen konnten. Sich öffentlich und unter dem eigenen Namen zu zeigen, mussten viele Frauen gegen größte Widerstände durchsetzen.

Über weibliche Geschichten und Werdegänge in der Kunst ist vergleichsweise wenig überliefert. Irgendwo muss dieses Kulturleben dennoch stattgefunden haben. Sind Sie auf private, quasi geheime Räume gestoßen?

Elisabeth Carr Dieses freie Leben unter Frauen hat sicher immer stattgefunden. Denken wir an Tagebücher und Briefe, in denen Frauen ihr Innerstes ausdrückten. Die Frage war, wie man mit diesen Schriften umging: Sie durften nicht unbedingt zutage treten. Auch spiritistische Zusammenkünfte waren Räume, die Frauen sich geschaffen haben. Darüber mag man lächeln, aber man sollte sie schon ernst nehmen. Und wir wissen um die hohe Salonkultur, die bis in das 20. Jahrhundert hineinreichte. Mein Plädoyer ist, uns Frauen in der Vergangenheit wie heute wirklich ernst zu nehmen – statt unsere und Position kleinzuhalten.

„Frauenzimmer“, ursprünglich eine Raumbezeichnung, wurde später zur abschätzigen Bezeichnung für Frauen. Das „Herrenzimmer“ dagegen stand für einen Rückzugsort mit gewichtigen Gesprächen. Was sagt dieser Kontrast über unsere Gesellschaft?

Elisabeth Carr Frauen haben viel erreicht und erkämpft. Schauen wir die Politik an: Da ist schon richtig viel geschafft. Dennoch erleben wir immer noch diese Situation: Eine Frau äußert einen guten Gedanken und wird übergangen. Fünf Minuten später sagt ein Mann inhaltlich dasselbe – und wird gehört. Müssen wir dafür noch härter, noch durchsetzungskräftiger, noch männlicher werden? Ich denke, dass wir uns nicht an tradierte, explizit männliche Eigenschaften anpassen müssen, sondern das eigene Selbst überzeugt zeigen und artikulieren sollten. Wenn ich meine Kraft spüre, spüren andere sie auch. Gerade Mädchen müssen wir ermutigen, sich in ihrer ganz eigenen Art zu entwickeln und sichtbar zu werden.  

Räume können geöffnet oder verschlossen werden. Frauen mussten sich Freiräume oft erst erkämpfen und waren, bzw. sind zugleich auf Schutzräume angewiesen. Ist diese Ambivalenz für Frauen bis heute besonders existenziell?

Elisabeth Carr Schutzräume sind ein entscheidendes Stichwort. Wo fühlen wir Frauen uns durch und durch geschützt? Manchmal nicht einmal in uns selbst, weil uns das Vertrauen in den eigenen Wert fehlt. Ich habe mich immer sehr freiheitlich gefühlt und finde und füge mich selbstredend gerne in unseren demokratischen, gesellschaftlichen Strukturen ein. Ich finde darin eine sichernde und schützende Beheimatung. Darin lässt es sich frei und entscheidungsfähig leben. Aber das müssen wir uns selbst gestatten. Und wo Frauen bedroht werden oder Gewalt erleben, braucht es ganz konkrete Schutzräume. Diese bedrückende Wirklichkeit kenne ich aus meiner beratenden Arbeit.

Mit den KunstRäumen am See haben Sie ein eigenes Format geschaffen, in dem andere Räume zur Bühne werden. Sind Sie eine Raumgestalterin oder eher eine Verbindungskünstlerin?

Elisabeth Carr Die Bezeichnung Gestalterin gefällt mir sehr. So habe ich mich immer empfunden. Natürlich gehört viel Organisation dazu, aber sie ist nur ein Teil. Der Kern liegt ja in der Idee, im Geist. Es sollen in großer Vielfalt möglichst geistreiche Räume entstehen. Dazu braucht es Seele und Vision. Ich bin keine Agentur und kaufe keine fertigen Produktionen ein. Kann ich gar nicht, will ich auch nicht. Ich möchte mit den Künstlerinnen und Künstlern, mit den Räumen und meinen Ideen in den Dialog gehen und etwas entwickeln. Menschen, Orte und Inhalte miteinander zu verbinden – das trifft meine Arbeit sehr gut.

Wie finden Sie die Menschen, Orte und Inhalte, die gemeinsam eine stimmige Gestalt ergeben?

Elisabeth Carr Ein schönes Beispiel ist unser Abend über Annette Kolb, diese unglaublich bemerkenswerte Botschafterin des Friedens. Ich lernte ihre Großnichte kennen, wir kamen ins Gespräch, und ich dachte: Diese Frau hat uns so viel zu sagen. Wir entwickelten die Idee, anhand ihrer Briefe das Thema Frauenfreundschaften zu beleuchten. Es fehlte aber noch der passende Raum; der sollte bei keinem Thema beliebig sein. Es fehlte aber noch der passende Raum; der sollte bei keinem Thema beliebig sein. Mir fiel die Von-Habsburg-Villa ein, Sitz der Parmenides-Stiftung, die sich der Erforschung des menschlichen Denkens widmet. Ich hatte sie bei einem Seminar als unglaublich geistreichen Ort erlebt. Dort konnten nun Annette Kolbs Gedanken und ihre Frauenfreundschaften lebendig werden. Damit floss alles stimmig zusammen: Begegnungen, Erinnerungen und Ideen. Sogar das vorhandene Klavier wurde virtuos bespielt. Wie gefügt, war doch Annette Kolb selbst eine herausragende Pianistin. Wie sich die verschiedenen Bewegungen letztlich ordnen und ineinander verwoben haben, weiß ich trotz akribischer Konzeption und Choreografie manchmal erst ganz zum Schluss. Das ist lebendig – und durchaus spannend.

Sie schöpfen also auch aus dem Fundus Ihres Lebens. Welche Räume interessieren Sie besonders?

Elisabeth Carr Die Kunsträume, die wir öffnen, sind immer auch meine Lebensräume. Anders könnte ich es nicht machen. Ich muss zu diesen Orten in Beziehung getreten sein. Ich bin den Menschen, den Räumen mit ihren Gegebenheiten und Gastgebenden tief verbunden. Mich interessieren dabei bei weitem nicht nur repräsentative und prachtvolle Räume, sondern auch die versteckten, verschwiegenen oder verschütteten. Etwa das stillgelegte Gelände des Max-Planck-Instituts mit seinen früheren Schlafbunkern. Solche Räume künstlerisch wieder freizulegen, kann uns staunen lassen. Jeder Ort hat seine Geschichte. Und Kunst ist nicht nur schön: Große Werke entstehen oft aus Leid oder Zusammenbruch. Wie Viktor Frankl sagte: ‚Wie oft sind es erst die Ruinen, die den Blick freigeben auf den Himmel.‘“

In Ihrem eigenen „GestaltRaum“ finden sowohl Beratung als auch Kunsterlebnisse statt. Wie eng gehören Kunst und Lebenskunst für Sie zusammen?

Elisabeth Carr Diese Bereiche sind eng verbunden, keine abgezirkelten Welten. Ich komme aus der sozialen Arbeit, bin Gestalttherapeutin und berate psychologisch. Ich nenne diese Praxis Räume bewusst Gestalt-Räume, weil wir hier im Dialog viel entwickeln – kreativ und auch künstlerisch. Wenn Menschen sich mir in ihrer Not anvertrauen, ist das selbstverständlich ein geschlossener, geschützter Raum. Künstlerischer Ausdruck kann etwas zugänglich machen, das im Reden allein schwer erreichbar ist. Das habe ich auch in der Arbeit mit Menschen erlebt, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Solchen schweren Themen widme ich mich ebenfalls mit meiner Expertise ganz bewusst. Geschützte Räume bieten Platz für alles, was darin aufblühen und leben will. Und auch aufgezeigt werden möchte, wie beispielsweise in einer Ausstellung.

Der digitale Raum wächst an Bedeutung und beansprucht immer mehr unserer Zeit. Könnte auch er für Sie zum Kunstraum werden – oder brauchen Sie die unmittelbare, körperlich erfahrbare Begegnung?

Elisabeth Carr Digitale Möglichkeiten gehören längst dazu, etwa in der Medienkunst. Ich bin sehr experimentierfreudig. Aber wir müssen menschlich sichtbar bleiben. Ich bevorzuge das Gespräch, das Unmittelbare, die seelische und geistige Berührung. Die Tuchfühlung. Online geht ganz viel, aber es hat eine andere Qualität. Die Gefahr liegt für mich in der Bequemlichkeit: Wir sind permanent in Kontakt und bleiben doch oft an der Oberfläche. Tiefe braucht Aufmerksamkeit und manchmal auch Mühe. Geist und Atem sollten wir uns gönnen. Und uns dem Fremden nähern. Oft schrumpft das Gespenst der Angst, wenn ich ihm näherkomme.

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Elisabeth Carrs KunstRäume am See 

Die Starnberger Kulturgestalterin gründete 2005 gemeinsam mit Ariane von Hofacker die KunstRäume am See, die sie seit 2008 allein leitet. Zu ihren Auszeichnungen gehören der Tassilo-Preis, die goldene Bürgermedaille Starnbergs und der Kulturpreis des Landkreises Starnberg.